Ich muss gestehen, ich blicke gerade auch nur noch mit Erstaunen auf den aktuell laufenden Özil-Diskurs und denke mir “Leute, was geht da vor”. Meine Verwirrung speist sich dabei aus der Frage, was aus den ganzen Jugendlichen werden soll, die diese Debatte mitbekommen. Und mich wundert es, wer alles in den #dankeMesut Modus einsteigt. Aber sicherlich nicht, weil ich die Position von durch und durch rassistischen Biedermännern wie Grindel oder Reichelt nachvollziehen kann.

Rassismus ist prägend und bestimmend in diesem Diskurs, das steht hier gar nicht zur Diskussion. Aber Özils Reaktion darauf verhöhnt alles, wofür ich mich persönlich mittlerweile ein Viertel Jahrhundert, davon wohl über 15 Jahre bewusst, in der Community einsetze. Er vermittelt den Jugendlichen nämlich keinerlei Art von Resilienz, er hilft ihnen nicht bei der Bewältigung ihres Alltagsrassismus, er gibt ihnen nichts an die Hand, um gegen diesen Rassismus aufzubegehren, anzukämpfen, weiterzukämpfen. Weiterlesen

Die Verwendung des Begriffs „türkische Diaspora“ im türkisch-deutschen Kontext hat nicht einmal eine lange Geschichte. Gerade sechs bis sieben Jahre sind es her, dass der Begriff im türkischsprachigen Diskurs in Deutschland vermehrt auftauchte. So propagierte der damalige Leiter der Abteilung für Verbandskommunikation und spätere Generalsekretär der IGMG, der heutige AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroğlu, die Verwendung dieses Begriffes – eher im verbandsinternen Alleingang – als eine selbstgewählte Selbstbeschreibung des türkischstämmigen Migranten in Deutschland und Europa. Als AKP-Abgeordneter versuchte er diesen Begriff zur bestimmenden Politik im Umgang der Türkei mit „ihren“ Auslandstürken zu postulieren – bisher mit eher wechselhaftem Erfolg.

Werfen wir einen Blick auf die Genese dieses Begriffs im türkisch-deutschen Kontext, wird klar, warum der Durchbruch außerhalb von türkisch-identitären Kreisen bisher ausgeblieben ist: Dem Konzept und dem Begriff fehlt es an Aufrichtigkeit. Er verspricht ein neues Selbstbewusstsein und reproduziert doch nur alte Unsicherheiten. Er verspricht Authentizität und kann doch nur mit der vermeintlichen Adaption eines fremden, anderen Lebensgefühls aufwarten. Motiviert ist seine Nutzung von dem Versuch, das Selbstverständnis des „gurbet“, der Fremde und dem „gurbetci“, als dem in die Fremde gezogenen Türken abzulösen. Diese werden als verstaubt und antiquiert angesehen, ihre häufige Wiederholung aus der Türkei heraus selbst von hiesigen türkisch-konservativen als mindestens „nervig“ wahrgenommen. Die Rückkehr-Sehnsucht, die dieser Vorstellung immanent ist, sollte abgeschüttelt werden – so lautete zumindest eines der frühen Argumente für den Diaspora-Begriff. Dabei ist die Rückkehr-Sehnsucht dem Diaspora-Begriff immanent, weshalb die Auswahl dieses Begriffes als wenig nachvollziehbar erscheint. Weiterlesen

Kann es nur exakt zwei Haltungen zu Afrin geben, die eine türkisch, die andere kurdisch, und jeder hat sich auf eine Seite zu schlagen? Der gesunde Menschenverstand würde wohl in jedem anderen Fall sagen: Quatsch, es gibt kein schwarz und weiß. Hier scheint das unmöglich zu sein. Gerade in der türkischstämmigen Community scheinen wir mittlerweile epistemisch in dermaßen unterschiedlichen Welten zu leben, dass die Grundlage für ein Verstehen immer mehr abhanden kommt. Ich gehöre zu denen, die kein Verständnis für die Militäroffensive zeigen, habe dabei aber einen türkischen Hintergrund, komme selbst aus einem konservativ-religiösen Milieu (ohne mich selbst als konservativ zu verstehen) und sehe die PKK(PYD usw) als menschenverachtende Terrororganisation an, mit der ich schon ideologisch nichts anfangen kann, aber noch weniger mit ihrer Grausamkeit und Gewalt. Dennoch wird meine Position aus Teilen der eigenen Community als “Terrorversteher” wahrgenommen. Wie sie von der anderen Seite wahrgenommen wird, weiß ich gar nicht, weil ich dorthin überhaupt keinen Bezug habe.

Dass ich kein Verständnis für eine militärische Aktion zeige, macht mich aber nicht zu einem Terrorversteher, sondern liegt in der gleichen Ursache, warum ich Terrorgruppen wie PKK und PYD gerne zum Teufel jagen würde: im Einsatz von Waffengewalt. Nicht ihre Ideologie oder ihre Seperationsbemühungen sind es (mit denen ich nebenbei auch nichts anfangen kann), sondern ihr Griff zu den Waffen, ihr Vertrauen auf Gewalt und Grausamkeit. Weiterlesen

Durch die muslimische Community in den USA scheint aktuell gerade ein Hurrikan durch zu fahren (für einen ersten Überblick siehe hier: Navigating the Nouman Ali Khan scandal). Hier bekommt man von der ganzen Debatte zwar nur Bruchstücke mit, aber der gesamte Diskurs ist schon faszinierend.

Dabei geht es mir gar nicht darum, wer Recht haben könnte. Einfach zu sehen, welche Mechanismen in den Anfeindungen greifen, wie teilweise “hochgebildete” Menschen sich in niedersten Verunglimpfungen (auf beiden Seiten) ergehen, und inbesondere aus rechtlicher Perspektive mir noch immer nicht klar ist, was da überhaupt passiert sein soll, das ist alles auf seine ganz eigene Art und Weise wiederum schon faszinierend. Weiterlesen

Noch sitzt den meisten Muslimen der Schock der Wahlnacht in den Knochen. Eine offen islamfeindliche und rechtsextreme Partei hat den Einzug in den Bundestag geschafft. Islamfeindliche Positionen sind damit nicht mehr nur auf die Profilierungsbedürfnisse der Rechtsaußen-Flügel der Parteien beschränkt, sie bekommen mit der AfD nun auch eine fraktionell-institutionalisierte Stimme.

Unabhängig davon, ob die anderen Parteien mit der Losung „die Sorgen ernst nehmen” den Diskurs der AfD vervielfältigen und weiter in die Mitte der Gesellschaft holen, wird schon die Präsenz der AFD im Bundestag und die sich ihr damit neu eröffnenden parlamentarischen Möglichkeiten den öffentlichen Diskurs über und mit Muslimen maßgeblich erschweren. Für Muslime in Deutschland sorgt so die Wahl der AfD in der Bundestag für Besorgnis und Unsicherheit.

Diese Besorgnis ist für einige Aktive mitten in die Vorbereitungen des Tags der offenen Moschee (TOM) gefallen. In vielen Moscheen sorgt der TOM auch so schon für sehr viel emsige Betriebsamkeit. Es ist der Tag, an dem die Moschee besonders schön hergerichtet wird, die Jugendlichen sich auf die Anfragen der Besucher vorbereiten. Essen und Speisen werden für die Gäste vorbereitet, Broschüren und Auslagematerial bestellt. Und immer wieder ist dann das Resultat am 03. Oktober: Kaum jemand schaut vorbei. Aufwand und Vorbereitung schlagen sich immer seltener in Besucherzahlen nieder. Statt wie erhofft einen Beitrag zum Verständnis des Islams und zum gesamtgesellschaftlichen Zusammenleben zu leisten, bleiben die einladenden Gemeinden mit einem Gefühl der Frustration zurück. Weiterlesen

Die zweite Erhebung der Europäischen Union zu Minderheiten und Diskriminierungen vermittelt Hoffnung und Sorge zugleich. Sorge, weil das Problem von Diskriminierungen von Minderheiten zwar eine gesamtgesellschaftliche Relevanz hat aber noch immer keine gesamtgesellschaftliche Beachtung findet. Hoffnung vermittelt sie, weil zumindest die Mehrheit der Betroffenen von diesen Erfahrungen nicht ihr Zugehörigkeitsgefühl in das hier und jetzt abhängig machen.

Greifen wir erst einmal die schlechten Nachrichten auf. 39 % der über 10.000 Befragten fühlten sich in den fünf Jahren vor der Erhebung aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder ihres Migrationshintergrundes in einem oder mehreren Bereichen des Alltags – Beschäftigung, Bildung, Wohnraum, Gesundheitsversorgung und bei der Inanspruchnahme von öffentlichen oder privaten Dienstleistungen – diskriminiert. Hinzu kommt, dass die Betroffenen nach eigenen Angaben mindestens fünfmal pro Jahr solch eine Erfahrung machen müssen. Über die Hälfte der Wohnungssuchenden und fast die Hälfte der Arbeitssuchenden hatte bereits das Gefühl, wegen ihren Vor – und Nachnamens diskriminiert worden zu sein. Die Sichtbarkeit der Religionszugehörigkeit scheint zudem das Risiko einer Diskriminierung zu erhöhen: 39 % der muslimischen Frauen, die in der Öffentlichkeit ein Kopftuch oder einen Gesichtsschleier tragen, haben Belästigungen erlebt, verglichen mit 23 % der nicht verschleierten Frauen. Weiterlesen

Die letzten Monate waren für Vertreter der muslimischen Gemeinschaften nicht sehr einfach. Die Krisen gaben sich an der Verbandspforte die Klinke in die Hand. Betroffen von den einzelnen Krisen waren dann am Ende auch wieder alle zusammen. Das Getrieben-Sein ist jedoch nicht unbedingt ein “fremdgesteuerter” Zustand, vielmehr entstand und entsteht noch weiterhin der Eindruck, dass die Gemeinschaften sich am liebsten noch selbst ein Bein stellen. Besonders wird dies in der aktuellen Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinschaften deutlich.

Von einer proaktiven, die eigenen Inhalte bestimmenden und eigene Positionen einbringenden Öffentlichkeitsarbeit kann insgesamt leider nicht gesprochen werden. Vielmehr nehmen wir muslimische Gemeinschaften zumeist öffentlich nur dann wahr, wenn über sie berichtet wird. Die Gemeinschaften treten in diesem Fall eher reagierend auf. Es fehlen die Inhalte, die eine gewisse Originalität besitzen und so auch die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit auf sich ziehen könnten. Ohne entsprechenden Inhalte  ist es tatsächlich schwierig, von sich aus an die Öffentlichkeit zu treten. Was soll dann denn kommuniziert werden? Weiterlesen

Wächst man in einem mehrsprachigen Umfeld auf, in dem sehr viele Menschen jeweils Zugang zu einer der beiden Sprachen oder sogar beiden Sprachen haben, stellt sich schonmal die Frage, in welcher Sprache eine bestimmte Debatte geführt werden müsste. Manchmal kann man bestimmte Diskussionen mit Blick auf die Zielgruppe und die besondere Fokussierung auf einen milieuspezifischen Zusammenhang nur in einer Sprache führen. Insbesondere milieubezogene Kritik wirkt oftmals nur, wenn sie auch in der milieu-eigenen Sprache vorgebracht wird.

Es gibt aber auch Situationen, da darf man aus der Warte der Redlichkeit nicht auf die jeweils andere Sprache ausweichen. Kritik an Deutschland auf Türkisch oder Kritik an der Türkei auf Deutsch, Beides kann seine Berechtigung haben, besonders wenn man nicht den Zugang zur anderen Sprache hat. Sie wird jedoch dann verwerflich, wenn sie jeweils auf der einen Seite Vorurteile bedienen, Ressentiments schüren und dabei auf der anderen Seite nicht wahrgenommen werden will.

So hat sich gerade hier im deutsch-türkischen Diskurs ein interessanter Typus von Aktivisten herausgebildet, die diese sprachliche Trennung der Diskursräume auf eine besonders unredliche Art betreiben. Die besondere Unredlichkeit liegt dabei darin, dass der türkischsprachige Diskursraum mit diametral entgegenstehenden Inhalten bedient wird, als es im deutschsprachigen Diskursraum der Fall ist. Während im Deutschen Begriffe wie Pluralität, Diversity und Antirassismus an jeder passenden und unpassenden Stelle in den Ring geworfen werden, fallen die türkischsprachigen Wortmeldungen durch einen extremen Nationalismus, Kulturexklusivismus und Homogenitätsphantasien auf. Weiterlesen

Ursprünglich erschienen in der "Junge Kirche, 2/16, S. 28-29

Die Frühgemeinde des Islams kannte das Phänomen der Flucht nur zu gut. Drei Mal versuchten die ersten Muslime in Mekka der allgegenwärtigen Unterdrückung der eigenen Stammesbrüder zu entgehen. Zwei Mal brachen jeweils kleinere Gruppen von Muslimen in das christliche Abessinien auf und suchten dort Zuflucht bei dessen christlichen Herrscher. Schließlich verließ fast die gesamte mekkanische Gemeinde auf Einladung der Einwohner der Stadt Yasrib ihre Heimat, als einer der letzten der Prophet selbst. Seine Flucht aus Mekka und seine Auswanderung nach Medina werden als dermaßen einschneidendes Moment angesehen, dass sie den Beginn der muslimischen Kalenderrechnung kennzeichnen.

“Und die vor ihnen (in Medina) und im Glauben ihre Heimat fanden, lieben die, die als Auswanderer zu ihnen kamen. Sie finden in ihrem Inneren kein Bedürfnis nach dem, was jenen gegeben wurde, und stellen sich selber hintan, selbst wenn bei ihnen Kargheit herrscht. Wer bewahrt wird vor seinem eigenen Geiz, der gehört zu jenen, denen es wohlergeht.” (Sure 59 Haschr, 9)

Auf diese “Flüchtlingskrise” in den Jahren nach 622 n.Chr. geht der oben zitierte Vers ein. Nach und nach kamen hunderte Muslime als Glaubensflüchtlinge in diese Stadt, die später ehrenvoll nur noch als “die” Stadt des Propheten gelobt werden sollte, Medina. Eine staatliche Fürsorge gab es nicht, auch keine Zeltlager und Sammelunterkünfte. Es waren die neuen Muslime in Medina, die mit den Neuankömmlingen ihr Dach, ihren Fladen, Datteln und ihr kostbares Wasser teilten. Einen allgemeinen Wohlstand gab es in der Stadt nicht. Die die gaben, hätten nach heutigen Verhältnissen auch selbst nehmen können. Die Neuankömmlinge werden aber nicht einfach nur toleriert, auch der Begriff Respekt käme zu kurz. Sie werden geliebt, nicht mit Neid und Missgunst bedacht. Auch wenn man die Aussagen des Korans als idealisierend ansehen wollte, am Ende war es unter anderem gerade dieser Zusammenhalt in der Not, der aus bisher völlig fremden Menschen eine Gemeinschaft geformt hat. Weiterlesen

Ein wichtiger Einwurf von Charlotte Wiedmann zur aktuellen Entwicklung der postkolonialen Kritik:

Gewiss: Menschen mit afrikanischen Wurzeln sollen in der Debatte über Kolonialismus eine vernehmbare Stimme haben. Aber ich halte es im Kampf für eine egalitäre Gesellschaft eher für eine Falle, wenn Hautfarbe zum Gradmesser von Betroffenheit wird und aus der Betroffenheit eine Art Deutungshoheit abgeleitet wird. Niemand repräsentiert heute die einst Kolonisierten. Und ich habe außerhalb des weißen Europas zu viel Rassismus erlebt, um den Ausdruck People of Color für ein Synonym von Nicht-Rassist oder Nicht-Täter halten zu können.

Der vollständige Beitrag ist zu finden auf der taz: https://www.taz.de/!5441985/