Noch sitzt den meisten Muslimen der Schock der Wahlnacht in den Knochen. Eine offen islamfeindliche und rechtsextreme Partei hat den Einzug in den Bundestag geschafft. Islamfeindliche Positionen sind damit nicht mehr nur auf die Profilierungsbedürfnisse der Rechtsaußen-Flügel der Parteien beschränkt, sie bekommen mit der AfD nun auch eine fraktionell-institutionalisierte Stimme.

Unabhängig davon, ob die anderen Parteien mit der Losung „die Sorgen ernst nehmen” den Diskurs der AfD vervielfältigen und weiter in die Mitte der Gesellschaft holen, wird schon die Präsenz der AFD im Bundestag und die sich ihr damit neu eröffnenden parlamentarischen Möglichkeiten den öffentlichen Diskurs über und mit Muslimen maßgeblich erschweren. Für Muslime in Deutschland sorgt so die Wahl der AfD in der Bundestag für Besorgnis und Unsicherheit.

Diese Besorgnis ist für einige Aktive mitten in die Vorbereitungen des Tags der offenen Moschee (TOM) gefallen. In vielen Moscheen sorgt der TOM auch so schon für sehr viel emsige Betriebsamkeit. Es ist der Tag, an dem die Moschee besonders schön hergerichtet wird, die Jugendlichen sich auf die Anfragen der Besucher vorbereiten. Essen und Speisen werden für die Gäste vorbereitet, Broschüren und Auslagematerial bestellt. Und immer wieder ist dann das Resultat am 03. Oktober: Kaum jemand schaut vorbei. Aufwand und Vorbereitung schlagen sich immer seltener in Besucherzahlen nieder. Statt wie erhofft einen Beitrag zum Verständnis des Islams und zum gesamtgesellschaftlichen Zusammenleben zu leisten, bleiben die einladenden Gemeinden mit einem Gefühl der Frustration zurück.

Wenig überraschend also, wenn auch auf Seiten der Moscheegemeinden das Interesse für den Tag zurück geht. “Wir haben diesmal keine Werbung gemacht“, bestätigt ein Vorstandsmitglied einer Gemeinde auf Nachfrage. “Mittlerweile wird es ja in der Presse beworben. Wir halten uns zwar bereit, falls jemand kommt, aber schon letztes Jahr kam kaum jemand.” Noch vor einigen Jahren sah die Vorbereitung auf diesen Tag noch ganz anders aus. Auf regionaler Ebene und in Gemeinden wurden Seminare zur Vorbereitung abgehalten und besonders junge Frauen nahmen aktiv gestaltend an diesem Tag teil. Mittlerweile beschränken sich die Besuche jedoch weitgehend auf einzelne repräsentative Moschee gemeinden, die auch über das gesamte restliche Jahr Führungen in der Moschee anbieten. In die klassische Hinterhofmoschee, immer noch die am weitesten verbreitete Form der Moschee in Deutschland, verirren sich die wenigsten Moscheebesucher.

Nicht wenige werden diese Abwesenheit mit den Ergebnissen der AfD verknüpfen, ein Desinteresse an der Moschee und am muslimischen Leben als eine Form der Manifestation des Rechtsrucks in der Gesellschaft ausmachen. Das Ausbleiben der Besucher wird insbesondere von “türkischen Identitären” mit Genugtuung aufgenommen und als Bestätigung ihrer These von der Unvereinbarkeit der türkisch-islamischen Kultur mit dem „Deutschen” kolportiert werden. Dabei wird aber ein wesentliches Problem bewusst oder unbewusst außer Acht gelassen, auf die auch das Ausbleiben der Besucher beim TOM zurückzuführen sind: Die Kommunikation der muslimischen Community, speziell der muslimischen Religionsgemeinschaften mit der allgemeinen Öffentlichkeit ist noch immer sehr rudimentär, in vielen gesellschaftlichen Bereichen sogar nicht existent.

Der Tag der offenen Moschee war zu seinen Anfangszeiten Mitte der 90er Jahre und der systematischen Fortentwicklung insbesondere durch den ZMD ein innovatives Mittel, um die Menschen überhaupt erst einmal mit dem Kuriosum “Moscheegemeinde“ in Berührung zu bringen. Der 11. September hat schließlich auch den anderen Gemeinschaften verdeutlicht, dass es solch eines Tages des Austausches bedarf. Mit der Übernahme der Schirmherrschaft des TOM im Jahr 2007 durch den damals neu gegründeten Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) wurde der Tag zu einer gemeinsamen Angelegenheit. Doch schon zu dieser Zeit war der TOM in vielen Gemeinden nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Besucherzahlen gingen bereits damals merklich zurück, fast schon zynisch nur unterbrochen mit einem Aufmerksamkeitsanstieg nach religiöse begründeten Terrorangriffen.

In der Rückschau muss man feststellen, dass das an sich positive gemeinsame Engagement im KRM zur Konservierung des Formats geführt und seine Weiterentwicklung erschwert hat. Ein Mittel zur Öffnung der Moscheen hin zur Gesellschaft hat so mit der Zeit dazu beigetragen, die Gemeinden in der allgemeinen Wahrnehmung als eine exotische Institution festzuschreiben, die nur einmal im Jahr mit einem Führer betreten werden kann. Die jährlich zurückgehenden Zahlen haben bei den Moscheegemeinden und den im TOM aktiven Jugendlichen der Eindruck hinterlassen, dass die Mehrheitsgesellschaft kein Interesse an einem Austausch mit Muslimen hat. Der Fokus auf diesen besonderen Tag trug letztendlich mit dazu bei, dass sich viele Gemeinden tatsächlich nur diesen einen Tag im Jahr in die Gesellschaft geöffnet haben.

Bevor nun die Frage gestellt wird, wie man es besser machen kann, müssen erst andere Fragen darüber gestellt werden, worum es eigentlich bei dem ganzen Unterfangen geht. Reicht es zum Beispiel schon aus, dass man als Moscheegemeinde seinem Umfeld die Möglichkeit gibt, sich zum Islam zu informieren? Genügt es den Besuchern vom Glauben des Islam und von der Theorie der Glaubenspraxis zu erzählen? Ist bereits die Bereitstellung von Informationen zum Abholen ein Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen Diskurs? Oder sind es nicht doch eher die Fragen zur Selbstverortung der muslimischen Gemeinde und des einzelnen Muslims in der Gesellschaft, die auf Interesse stoßen? Wo in der Stadtgesellschaft sieht sich die Moschee, welchen Beitrag will sie leisten? Wie sieht es mit dem sozialen Engagement aus, was bedeutet der Einsatz in der Moschee für das soziale Leben in der Kommune? Um welche Sorgen und Probleme kümmert sich eigentlich die Moscheegemeinde, nur die der eigenen Institution, der eigenen Mitglieder, der Muslime vor Ort oder übernimmt sie auch Verantwortung für die Benachteiligten, die nicht ganz selbstverständlich zum „wir” gehören?

Die Anforderungen und Erwartungen an die Moscheegemeinden sind in den nunmehr fast 60 Jahren ihres Bestehens gestiegen – aus der Gesamtgesellschaft, aber auch aus dem Kreis der Muslime heraus. Trotz begrenzter Mittel sind auch ihre Potentiale und Möglichkeiten gewachsen. Der Einsatz dieser Potentiale liegt aber noch weit hinter den Möglichen zurück. Viele Gemeinden sind nicht mehr beschränkt auf den Gebetsraum als einzig zur Verfügung stehender Räumlichkeit. Gemeinde- und Festsäle gehören zum festen Inventar vieler Gemeinden und die bestehende Infrastruktur ist viel ansehnlicher als noch vor 20 Jahren. Doch selten wird diese Infrastruktur dazu genutzt, um mit dem Umfeld in einen Diskurs zu treten. Die Räume sind zwar da, es fehlt jedoch an Ideen, um sie zu füllen.

Noch immer trauen sich viele Gemeinden nicht dazu, mehr als nur reine Informationsveranstaltungen auf Deutsch anzubieten. Viel zu groß ist die Sprachlosigkeit zu allgemein gesellschaftlichen Themen. Noch zu wenig ist geklärt, wie die eigene Verortung in der Gesellschaft aussieht und welche Rolle innerhalb des zivilgesellschaftlichen Gefüges man annehmen will. Zu fremd scheinen sich noch die Mentalitäten von Ali-Normal-Vorstand und Gesamtgesellschaft zu sein. Weder wird verstanden, welche Erwartungen an die Gemeinde formuliert werden, noch ist man in der Lage, die eigenen Erwartungen verständlich zu artikulieren.

Diese Inkompatibilität offenbart sich auch in Richtung der eigenen Jugend. Das Verständnis für die Bedürfnisse der eigenen Jugend schwindet, ihre Anfragen und ihre Kritik wird als „deutsch” und somit fremd wahrgenommen. Immer mehr Gemeinden verpassen es aktuell, diesen Mentalitäts-Gap anzuerkennen und entsprechende Schritte vorzunehmen. So orientiert sich selbst die einsetzende Verjüngung der Vorstände nicht an Kriterien wie Leistungsfähigkeit und Sprachfähigkeit, viel mehr ist die Fortführung einer althergebrachten kulturellen Mentalität ein wichtiges Auswahlkriterium. Weniger “deutsch” zu sein, was auch immer das am Ende bedeutet, oder die Bereitschaft, seine “alman mentalitesi” (türkisch: deutsche Mentalität) aufzugeben, kann ausschlaggebender sein als vorhandene Potentiale oder Zukunftsperspektiven.

Von der Überwindung dieser mentalen Hürde wird es jedoch abhängen, ob Moscheegemeinden zu einem elementaren und aktiven Teil der Zivilgesellschaft werden. Davon wird es abhängen, ob sie ihren Anspruch auch soziale Institution zu sein, ausfüllen können. Nur dann werden sie sich neben ihrer Funktion als religiöser Dienstleister auch im Bereich der Wohlfahrt etablieren und gesamtgesellschaftlich mitgestalten und mitbestimmen können. Die Alternative wäre der Rückzug auf die ausschließliche Rolle von Erbauern und Betreibern von Gebetsstätten. Dann würde es tatsächlich auch schon wieder reichen, das Publikum einmal im Jahr zur Vorführung einzuladen und dann den Vorhang wieder für ein Jahr zu schließen.

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