Die Verwendung des Begriffs „türkische Diaspora“ im türkisch-deutschen Kontext hat nicht einmal eine lange Geschichte. Gerade sechs bis sieben Jahre sind es her, dass der Begriff im türkischsprachigen Diskurs in Deutschland vermehrt auftauchte. So propagierte der damalige Leiter der Abteilung für Verbandskommunikation und spätere Generalsekretär der IGMG, der heutige AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroğlu, die Verwendung dieses Begriffes – eher im verbandsinternen Alleingang – als eine selbstgewählte Selbstbeschreibung des türkischstämmigen Migranten in Deutschland und Europa. Als AKP-Abgeordneter versuchte er diesen Begriff zur bestimmenden Politik im Umgang der Türkei mit „ihren“ Auslandstürken zu postulieren – bisher mit eher wechselhaftem Erfolg.

Werfen wir einen Blick auf die Genese dieses Begriffs im türkisch-deutschen Kontext, wird klar, warum der Durchbruch außerhalb von türkisch-identitären Kreisen bisher ausgeblieben ist: Dem Konzept und dem Begriff fehlt es an Aufrichtigkeit. Er verspricht ein neues Selbstbewusstsein und reproduziert doch nur alte Unsicherheiten. Er verspricht Authentizität und kann doch nur mit der vermeintlichen Adaption eines fremden, anderen Lebensgefühls aufwarten. Motiviert ist seine Nutzung von dem Versuch, das Selbstverständnis des „gurbet“, der Fremde und dem „gurbetci“, als dem in die Fremde gezogenen Türken abzulösen. Diese werden als verstaubt und antiquiert angesehen, ihre häufige Wiederholung aus der Türkei heraus selbst von hiesigen türkisch-konservativen als mindestens „nervig“ wahrgenommen. Die Rückkehr-Sehnsucht, die dieser Vorstellung immanent ist, sollte abgeschüttelt werden – so lautete zumindest eines der frühen Argumente für den Diaspora-Begriff. Dabei ist die Rückkehr-Sehnsucht dem Diaspora-Begriff immanent, weshalb die Auswahl dieses Begriffes als wenig nachvollziehbar erscheint.

Die Wahl auf diesen Begriff fiel nicht, weil er ein anderes Lebensgefühl als das Gurbet-Konzept lieferte. Er war ein „deutscher“ Begriff und im Zweiklang mit dem „jüdischen“, erschien er seinen Verteidigern als positiv besetzt. Mit diesem neuen Konzept sollte statt der Gurbet-Romantik der Verankerung im hier und jetzt Anerkennung gezollt werden. Eine Ausarbeitung dieses Gedankens, ein Diskurs in der Community fand damals nicht einmal innerhalb der Gremien der IGMG statt. Vielmehr zog es Yeneroğlu vor, den Begriff über seine neue Rolle als Abgeordneter der AKP und über das Wirken des Präsidiums für Auslandstürken (YTB) in Europa in die türkischstämmige Community „hineinzudrücken“. Statt dem langwierigen und kritischen Diskurs sollte die staatlich-türkische Autorität dem Diaspora-Begriff Nachdruck verleihen.

Der Begriff hält nicht das Versprechen, das Selbstverständnis der hier aufgewachsenen, hier sozialisierten türkischstämmigen Menschen wiederzugeben. Vielmehr versucht er, das hier ankommen weiter zu relativieren und die Bezüge zur alten Heimat weiter zu stärken – diesmal auf der ideologischen und nicht nur der emotionalen Ebene. Dabei verklärt er das Entstehen dieser Community in Europa und Deutschland. Sowohl bei der jüdischen Diaspora, als auch bei vielen anderen „Diaspora“-Gemeinden, wie der armenischen, der afghanischen oder iranischen ist es das Entrissen-Werden aus der Heimat, das konstitutiv für den Diaspora-Gedanken ist. Der Auszug, das Verlassenmüssen war dort erzwungen, aufgrund von religiöser Ausgrenzung oder von kriegerischen, bürgerkriegsähnlichen Konflikten im Land.

Das Entstehen einer türkischstämmigen Community, insbesondere des religiös-konservativen Teils, in Deutschland war kein erzwungener Akt. Die damaligen Arbeitsmigranten haben sich auf die ausgeschriebenen Arbeitsstellen beworben, die türkische Arbeitsagentur hat zusammen mit dem deutschen Partner offensiv für diese Migration geworben. Nachträglich wird diese Wanderungsbewegung verklärt und in die aktuell laufenden politischen Diskurs in der Türkei eingebettet. Dabei entsteht das Bild von einem Land, dem das eigene Potential von inneren und äußeren Feinden immer wieder vorenthalten, gar geraubt worden ist, dem sogar die fähigsten Arbeitskräfte planmäßig entrissen worden sind und auf der anderen Seite den Arbeitern natürlich somit ihre Heimat. Dem Türkischstämmigen soll dabei suggeriert werden, dass sein Migrantensein in Deutschland ein ihm widerfahrenes Unrecht ist, dass nur durch die physische oder zumindest mentale Rückkehr in die verheißene Heimat wieder aufgehoben werden kann.

Im hiesigen Kontext ist damit der Begriff „türkische Diaspora“ zu einem Synonym für Realitätsverweigerung, Selbsttäuschung und einer immer stärker forcierten Form des Rassismus aus der Minderheit heraus geworden.
Realitätsverweigerung, da er weiterhin die Verortung der Türkischstämmigen im Konkreten und der Muslime im Allgemeinen in das hier und jetzt nicht akzeptieren will. Der Rückkehrwillen in die Herkunftsgesellschaft der Eltern und Großeltern soll auch über Generationen hinweg als wesentliches Identitätsmerkmal künstlich aufrecht erhalten werden.
Eine Selbsttäuschung, da diese Haltung erneut eine Grundlage dafür bietet, sich von den Lebensrealitäten hier zu lösen und sich mental in den Türkei-Kontext einzusperren. Die mögliche Rettung aus der tatsächlichen oder angenommenen Not liegt dann nicht mehr in der eigenen Verantwortung, sondern nur noch in dem Erstarken der Türkei und der fürsorglichen Hand des dortigen starken Mannes.
Rassismus aus der Minderheit heraus, da dieser Diaspora-Begriff nicht ohne Wir-Ihr Markierung auf der Grundlage von ethnischer Herkunft und Zugehörigkeit und einer Wertzuschreibung auf Grundlage dieser Kriterien auskommt. Dieser Rassismus richtet sich dabei nicht nur gegen die nicht-türkische Mehrheit, er sorgt auch für eine Entsolidarisierung mit allem Nicht-Türkischem. Auch Muslimen anderer ethnischer Herkunft hier in Deutschland gehören wenn es darauf ankommt nicht zum „Wir“. So überrascht es nicht, dass die faktische Auflösung des Koordinationsrates der Muslime in diese Phase der Renationalisierung der großen muslimischen Gemeinschaften in Deutschland fällt.
Letztendlich mutiert der Begriff der „türkischen Diaspora“ zu einem selbstgewählten mentalen Gefängnis. Statt Selbstbewusstsein zu vermitteln, befeuert er Ängste, statt die Partizipation zu stärken, resultiert er im sozialen Rückzug. Die Frage nach einem Selbstverständnis der hiesigen Türkischstämmigen im Konkreten und der Muslime im Allgemeinen, sie beantwortet er nicht.

Schreibe einen Kommentar