Ich muss gestehen, ich blicke gerade auch nur noch mit Erstaunen auf den aktuell laufenden Özil-Diskurs und denke mir “Leute, was geht da vor”. Meine Verwirrung speist sich dabei aus der Frage, was aus den ganzen Jugendlichen werden soll, die diese Debatte mitbekommen. Und mich wundert es, wer alles in den #dankeMesut Modus einsteigt. Aber sicherlich nicht, weil ich die Position von durch und durch rassistischen Biedermännern wie Grindel oder Reichelt nachvollziehen kann.

Rassismus ist prägend und bestimmend in diesem Diskurs, das steht hier gar nicht zur Diskussion. Aber Özils Reaktion darauf verhöhnt alles, wofür ich mich persönlich mittlerweile ein Viertel Jahrhundert, davon wohl über 15 Jahre bewusst, in der Community einsetze. Er vermittelt den Jugendlichen nämlich keinerlei Art von Resilienz, er hilft ihnen nicht bei der Bewältigung ihres Alltagsrassismus, er gibt ihnen nichts an die Hand, um gegen diesen Rassismus aufzubegehren, anzukämpfen, weiterzukämpfen.

Er schlägt einfach die Tür zu. Der Özil-Weg ist der Weg der trotzigen Verweigerung und Selbstausgrenzung. Er sagt, “Ihr wollt mich nicht, dann geh ich halt”. Ist das der Weg, den wir zum Beispiel der alleinerziehenden Lehrerin mit Kopftuch an die Hand geben wollen, wenn sie am Existenzminimum lebend eine Jobabsage nach der anderen bekommt? Oder dem vergeblich nach einem Ausbildungsplatz suchenden Jugendlichen, der zu dunkle Haare oder eine zu dunkle Haut für den Otto-Normal-Personaler hat? “Schmeißt hin, ihr könnt eh nichts ändern.”

Ich habe jahrelang dafür gekämpft und werde es auch weiter tun, dass Rassismus nicht funktionieren darf, dass dem Rassisten nicht der Erfolg gegönnt sein darf, erfolgreich andere Menschen ausgrenzen zu können. Und deswegen ermuntere ich Menschen, diese Auseinandersetzung zu führen und unterstütze sie da, wo ich kann. Früher konnte ich dies noch mit institutionellen Mitteln tun und habe sie genutzt, heute versuche ich es als Individuum, so gut es mir gelingt. Und Özils Haltung ist in dem Kontext die Haltung des ewig nörgelnden Hadschi Amdschas, der mit seinem Kommentar zu den Betroffenen kommt und sagte: “Ihr dürft nicht auffallen, ihr müsst unsichtbar werden, anspruchslos werden, ihr dürft nichts dagegen tun, das macht euch nur noch angreifbarer.” Diese Haltung ist es, die mit dem Özil Statement in der Community enormen Aufwind bekommen hat, und nicht der antirassistische Widerstand.

Was viele in der “endlich hat er es ihnen gegeben”-Feier leider außer Acht lassen ist, dass es in der Community eine Menge professioneller Akteure gibt, die gerade diese Wirkung erzielen wollen. Resignation, Abwendung, die Selbstisolation aus der deutschen Gesellschaft. Es sind gerade sie, die mit missionarischem Eifer Özils Botschaft noch weiter verstärken und erweitern. Und sie machen es aus Kalkül. Die Abwendung von hier wird als Voraussetzung für die bedingungslose Ergebenheit zur Türkei und zu ihrer “einzig seelig machenden” politischen Bewegung angesehen: “Du musst hier brechen, um in unsere wärmenden Arme Aufnahme zu finden.” Es ist ein krankes Spiel mit den Emotionen der Menschen, die sowieso schon gepeinigt sind von Alltagsrassismus, denen als einzig gangbaren Weg der mentale gesellschaftliche Ausstieg nahe gelegt wird.

Das ist eine Entwicklung, die aktuell von der politischen Bildungsarbeit überhaupt nicht wahrgenommen wird. Es findet ein krankes Spiel um die Herzen der Menschen mit türkischem und muslimischem Hintergrund statt, der ihre ganze Identität erobern soll. Was dann kommt, dass ist den Scharfmachern egal. Einen Plan, was nach dem aus ihrer Sicht erstrebenswerten Zustand des Hasses folgen soll, den haben sie nicht. Vielmehr soll dieser Zustand perpetuiert, dauerhaft aufrecht erhalten werden. Nur so erhält man die Verfügungsmasse, die man dann willfährig entweder an die Urne oder auf die Straße rufen kann.

Ich befürchte, die aktuelle Aufregung wird uns im antirassistischen Diskurs keinen Zentimeter voran bringen. Man könnte ja dem noch etwas positives abgewinnen, wenn man sagt, “OK, er hat endlich mal das Thema Rassismus prominent setzen können, lasst uns da weiter machen und den Diskurs vertiefen und verstetigen.” Aber viele, die dazu in der Lage wären, sehe ich ebenfalls in der #DankeMesut-Euphorie erstarren. Statt vorwärts zu preschen, nehmen selbst diese Akteure die Botschaft auf und ziehen sich zurück. Und viele der heute #dankeMesut Rufenden, denen wird morgen die Alltagsdiskriminierung anderer wieder egal sein. Weder werden sie sich persönlich gegen Rassismus einsetzen, noch die wenigen Institutionen, die wir in dem Bereich haben, zumindest finanziell unterstützen. Es wird keine Sensibilisierung im Bereich Rassismusbewusstsein geben, leider. Nur ein Gefühl der Genugtuung und ein Paar junge Menschen mehr, die wir an den Hass verloren haben werden.

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