Ein grundsätzliches Problem der muslimischen Community ist, dass Repräsentanz nicht immer mit Inhalten ausgefüllt wird. Kooperationspartner und behördliche Gesprächspartner klagen dann immer wieder, dass man mit muslimischen Vertretern zusammenkommen und sich gut unterhalten kann, aber inhaltlich kaum ein Input kommt. Auch als Community bekommen wir aber immer seltener mit, ob und welche Positionen es von Verbandsseite zu Themen gibt, die uns alle betreffen.

Mittlerweile verschiebt sich die Klage über die muslimische Repräsentanz jedoch immer mehr in eine Richtung, bei der nicht die fehlenden Inhalte beklagt werden, sondern bereits die fehlende Präsenz. Am Austausch und an der Zusammenarbeit Interessierte finden kaum noch Ansprechpartner.

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Ich muss gestehen, ich blicke gerade auch nur noch mit Erstaunen auf den aktuell laufenden Özil-Diskurs und denke mir “Leute, was geht da vor”. Meine Verwirrung speist sich dabei aus der Frage, was aus den ganzen Jugendlichen werden soll, die diese Debatte mitbekommen. Und mich wundert es, wer alles in den #dankeMesut Modus einsteigt. Aber sicherlich nicht, weil ich die Position von durch und durch rassistischen Biedermännern wie Grindel oder Reichelt nachvollziehen kann.

Rassismus ist prägend und bestimmend in diesem Diskurs, das steht hier gar nicht zur Diskussion. Aber Özils Reaktion darauf verhöhnt alles, wofür ich mich persönlich mittlerweile ein Viertel Jahrhundert, davon wohl über 15 Jahre bewusst, in der Community einsetze. Er vermittelt den Jugendlichen nämlich keinerlei Art von Resilienz, er hilft ihnen nicht bei der Bewältigung ihres Alltagsrassismus, er gibt ihnen nichts an die Hand, um gegen diesen Rassismus aufzubegehren, anzukämpfen, weiterzukämpfen. Weiterlesen

Kann es nur exakt zwei Haltungen zu Afrin geben, die eine türkisch, die andere kurdisch, und jeder hat sich auf eine Seite zu schlagen? Der gesunde Menschenverstand würde wohl in jedem anderen Fall sagen: Quatsch, es gibt kein schwarz und weiß. Hier scheint das unmöglich zu sein. Gerade in der türkischstämmigen Community scheinen wir mittlerweile epistemisch in dermaßen unterschiedlichen Welten zu leben, dass die Grundlage für ein Verstehen immer mehr abhanden kommt. Ich gehöre zu denen, die kein Verständnis für die Militäroffensive zeigen, habe dabei aber einen türkischen Hintergrund, komme selbst aus einem konservativ-religiösen Milieu (ohne mich selbst als konservativ zu verstehen) und sehe die PKK(PYD usw) als menschenverachtende Terrororganisation an, mit der ich schon ideologisch nichts anfangen kann, aber noch weniger mit ihrer Grausamkeit und Gewalt. Dennoch wird meine Position aus Teilen der eigenen Community als “Terrorversteher” wahrgenommen. Wie sie von der anderen Seite wahrgenommen wird, weiß ich gar nicht, weil ich dorthin überhaupt keinen Bezug habe.

Dass ich kein Verständnis für eine militärische Aktion zeige, macht mich aber nicht zu einem Terrorversteher, sondern liegt in der gleichen Ursache, warum ich Terrorgruppen wie PKK und PYD gerne zum Teufel jagen würde: im Einsatz von Waffengewalt. Nicht ihre Ideologie oder ihre Seperationsbemühungen sind es (mit denen ich nebenbei auch nichts anfangen kann), sondern ihr Griff zu den Waffen, ihr Vertrauen auf Gewalt und Grausamkeit. Weiterlesen

Durch die muslimische Community in den USA scheint aktuell gerade ein Hurrikan durch zu fahren (für einen ersten Überblick siehe hier: Navigating the Nouman Ali Khan scandal). Hier bekommt man von der ganzen Debatte zwar nur Bruchstücke mit, aber der gesamte Diskurs ist schon faszinierend.

Dabei geht es mir gar nicht darum, wer Recht haben könnte. Einfach zu sehen, welche Mechanismen in den Anfeindungen greifen, wie teilweise “hochgebildete” Menschen sich in niedersten Verunglimpfungen (auf beiden Seiten) ergehen, und inbesondere aus rechtlicher Perspektive mir noch immer nicht klar ist, was da überhaupt passiert sein soll, das ist alles auf seine ganz eigene Art und Weise wiederum schon faszinierend. Weiterlesen

Die zweite Erhebung der Europäischen Union zu Minderheiten und Diskriminierungen vermittelt Hoffnung und Sorge zugleich. Sorge, weil das Problem von Diskriminierungen von Minderheiten zwar eine gesamtgesellschaftliche Relevanz hat aber noch immer keine gesamtgesellschaftliche Beachtung findet. Hoffnung vermittelt sie, weil zumindest die Mehrheit der Betroffenen von diesen Erfahrungen nicht ihr Zugehörigkeitsgefühl in das hier und jetzt abhängig machen.

Greifen wir erst einmal die schlechten Nachrichten auf. 39 % der über 10.000 Befragten fühlten sich in den fünf Jahren vor der Erhebung aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder ihres Migrationshintergrundes in einem oder mehreren Bereichen des Alltags – Beschäftigung, Bildung, Wohnraum, Gesundheitsversorgung und bei der Inanspruchnahme von öffentlichen oder privaten Dienstleistungen – diskriminiert. Hinzu kommt, dass die Betroffenen nach eigenen Angaben mindestens fünfmal pro Jahr solch eine Erfahrung machen müssen. Über die Hälfte der Wohnungssuchenden und fast die Hälfte der Arbeitssuchenden hatte bereits das Gefühl, wegen ihren Vor – und Nachnamens diskriminiert worden zu sein. Die Sichtbarkeit der Religionszugehörigkeit scheint zudem das Risiko einer Diskriminierung zu erhöhen: 39 % der muslimischen Frauen, die in der Öffentlichkeit ein Kopftuch oder einen Gesichtsschleier tragen, haben Belästigungen erlebt, verglichen mit 23 % der nicht verschleierten Frauen. Weiterlesen

Wächst man in einem mehrsprachigen Umfeld auf, in dem sehr viele Menschen jeweils Zugang zu einer der beiden Sprachen oder sogar beiden Sprachen haben, stellt sich schonmal die Frage, in welcher Sprache eine bestimmte Debatte geführt werden müsste. Manchmal kann man bestimmte Diskussionen mit Blick auf die Zielgruppe und die besondere Fokussierung auf einen milieuspezifischen Zusammenhang nur in einer Sprache führen. Insbesondere milieubezogene Kritik wirkt oftmals nur, wenn sie auch in der milieu-eigenen Sprache vorgebracht wird.

Es gibt aber auch Situationen, da darf man aus der Warte der Redlichkeit nicht auf die jeweils andere Sprache ausweichen. Kritik an Deutschland auf Türkisch oder Kritik an der Türkei auf Deutsch, Beides kann seine Berechtigung haben, besonders wenn man nicht den Zugang zur anderen Sprache hat. Sie wird jedoch dann verwerflich, wenn sie jeweils auf der einen Seite Vorurteile bedienen, Ressentiments schüren und dabei auf der anderen Seite nicht wahrgenommen werden will.

So hat sich gerade hier im deutsch-türkischen Diskurs ein interessanter Typus von Aktivisten herausgebildet, die diese sprachliche Trennung der Diskursräume auf eine besonders unredliche Art betreiben. Die besondere Unredlichkeit liegt dabei darin, dass der türkischsprachige Diskursraum mit diametral entgegenstehenden Inhalten bedient wird, als es im deutschsprachigen Diskursraum der Fall ist. Während im Deutschen Begriffe wie Pluralität, Diversity und Antirassismus an jeder passenden und unpassenden Stelle in den Ring geworfen werden, fallen die türkischsprachigen Wortmeldungen durch einen extremen Nationalismus, Kulturexklusivismus und Homogenitätsphantasien auf. Weiterlesen

In die Integrationsdebatte fallen immer wieder neue Begriffe ein, die zweitweise die Diskussion zu bestimmen scheinen, dann aber nach einer gewissen Zeit in den Hades der verbrauchten Begriffe Eingang finden. Manche Begriffe scheint man aber nicht loswerden zu können. Immer dann, wenn man glaubt, sie wären wegen ihrer Inhaltsleere aus der Diskussion verschwunden, kommen sie unter einem anderen Gewand wieder zum Vorschein. Die Vorstellung von einer „Leitkultur“ ist solch ein Begriff. Das neue Gewand heute: der „tatsächliche Wertekonsens“. Dieser Begriff taucht mittlerweile immer häufiger im Sprachgebrauch konservativer Politiker auf. Besonders als Abgrenzungskriterium gegenüber gesellschaftlichen Neuentwicklungen wird von ihm rege Gebrauch gemacht.

Was bedeutet nun der Begriff des „tatsächlichen Wertekonsenses“? Gerade in Bezug auf die deutsche Gesellschaft, die vielfältig und vielschichtig ist und auf Heterogenität und Differenz beruht, bedarf diese Frage einer Antwort. Welchen tatsächlichen Wertekonsens hat eine Gesellschaft, deren Individuen sich konservativ, liberal, sozial-demokratisch, links, apolitisch, religiös, protestantisch, katholisch, jüdisch, muslimisch, atheistisch und vieles andere noch nennen? Kann es neben den normativen Werten des Grundgesetzes einen tatsächlichen Wertekonsens in der Gesellschaft geben? Wird damit nicht eine Homogenität konstruiert, die in dieser, unseren Gesellschaft aufgrund ihrer pluralen Ausrichtung gerade nicht vorhanden ist und sein kann? Weiterlesen

Einleitung

Die Themen Sicherheit und Terrorismusprävention stellen heute immer noch Hauptpfeiler im Umgang mit den Muslimen und dem Islam in Deutschland dar. Ausgehend von den Terroranschlägen wie dem 11. September oder die Londoner und Madrider Anschläge, aber auch der Gott sei Dank missglückten wie den Kofferbombern,  wird auf die Ängste in der Bevölkerung verwiesen und die Notwendigkeit, dem Sicherheitsempfinden in der Bevölkerung gerecht zu werden, hervorgehoben. Als Orientierungspunkte für dieses gesellschaftliche Unsicherheitsempfinden dienen dabei die von  Sicherheitsbehörden aufgestellten konkreten oder abstrakten Bedrohungsszenarien.

Zunehmend wird diese Arbeit nicht einfach nur unter dem Sicherheitsaspekt, sondern immer mehr unter dem Vorzeichen der Integration geführt. Insbesondere von Organisationen wird das nahtlose Einfügen in Sicherheitskonzepte als Voraussetzung der Integration der Organisation und ihrer Mitglieder angesehen. Davon sind insbesondere islamische Religionsgemeinschaften betroffen.
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