Ursprünglich erschienen in der "Junge Kirche, 2/16, S. 28-29

Die Frühgemeinde des Islams kannte das Phänomen der Flucht nur zu gut. Drei Mal versuchten die ersten Muslime in Mekka der allgegenwärtigen Unterdrückung der eigenen Stammesbrüder zu entgehen. Zwei Mal brachen jeweils kleinere Gruppen von Muslimen in das christliche Abessinien auf und suchten dort Zuflucht bei dessen christlichen Herrscher. Schließlich verließ fast die gesamte mekkanische Gemeinde auf Einladung der Einwohner der Stadt Yasrib ihre Heimat, als einer der letzten der Prophet selbst. Seine Flucht aus Mekka und seine Auswanderung nach Medina werden als dermaßen einschneidendes Moment angesehen, dass sie den Beginn der muslimischen Kalenderrechnung kennzeichnen.

“Und die vor ihnen (in Medina) und im Glauben ihre Heimat fanden, lieben die, die als Auswanderer zu ihnen kamen. Sie finden in ihrem Inneren kein Bedürfnis nach dem, was jenen gegeben wurde, und stellen sich selber hintan, selbst wenn bei ihnen Kargheit herrscht. Wer bewahrt wird vor seinem eigenen Geiz, der gehört zu jenen, denen es wohlergeht.” (Sure 59 Haschr, 9)

Auf diese “Flüchtlingskrise” in den Jahren nach 622 n.Chr. geht der oben zitierte Vers ein. Nach und nach kamen hunderte Muslime als Glaubensflüchtlinge in diese Stadt, die später ehrenvoll nur noch als “die” Stadt des Propheten gelobt werden sollte, Medina. Eine staatliche Fürsorge gab es nicht, auch keine Zeltlager und Sammelunterkünfte. Es waren die neuen Muslime in Medina, die mit den Neuankömmlingen ihr Dach, ihren Fladen, Datteln und ihr kostbares Wasser teilten. Einen allgemeinen Wohlstand gab es in der Stadt nicht. Die die gaben, hätten nach heutigen Verhältnissen auch selbst nehmen können. Die Neuankömmlinge werden aber nicht einfach nur toleriert, auch der Begriff Respekt käme zu kurz. Sie werden geliebt, nicht mit Neid und Missgunst bedacht. Auch wenn man die Aussagen des Korans als idealisierend ansehen wollte, am Ende war es unter anderem gerade dieser Zusammenhalt in der Not, der aus bisher völlig fremden Menschen eine Gemeinschaft geformt hat. Weiterlesen