Wächst man in einem mehrsprachigen Umfeld auf, in dem sehr viele Menschen jeweils Zugang zu einer der beiden Sprachen oder sogar beiden Sprachen haben, stellt sich schonmal die Frage, in welcher Sprache eine bestimmte Debatte geführt werden müsste. Manchmal kann man bestimmte Diskussionen mit Blick auf die Zielgruppe und die besondere Fokussierung auf einen milieuspezifischen Zusammenhang nur in einer Sprache führen. Insbesondere milieubezogene Kritik wirkt oftmals nur, wenn sie auch in der milieu-eigenen Sprache vorgebracht wird.

Es gibt aber auch Situationen, da darf man aus der Warte der Redlichkeit nicht auf die jeweils andere Sprache ausweichen. Kritik an Deutschland auf Türkisch oder Kritik an der Türkei auf Deutsch, Beides kann seine Berechtigung haben, besonders wenn man nicht den Zugang zur anderen Sprache hat. Sie wird jedoch dann verwerflich, wenn sie jeweils auf der einen Seite Vorurteile bedienen, Ressentiments schüren und dabei auf der anderen Seite nicht wahrgenommen werden will.

So hat sich gerade hier im deutsch-türkischen Diskurs ein interessanter Typus von Aktivisten herausgebildet, die diese sprachliche Trennung der Diskursräume auf eine besonders unredliche Art betreiben. Die besondere Unredlichkeit liegt dabei darin, dass der türkischsprachige Diskursraum mit diametral entgegenstehenden Inhalten bedient wird, als es im deutschsprachigen Diskursraum der Fall ist. Während im Deutschen Begriffe wie Pluralität, Diversity und Antirassismus an jeder passenden und unpassenden Stelle in den Ring geworfen werden, fallen die türkischsprachigen Wortmeldungen durch einen extremen Nationalismus, Kulturexklusivismus und Homogenitätsphantasien auf. Weiterlesen